comment 0

Altenpflege – gut gewappnet für die nächste Pandemie?

Die COVID-19 Pandemie hinterlässt große Spuren im Bereich der Altenpflege. In vielen Langzeitpflegeeinrichtungen kam es zu Ausbrüchen der Erkrankung; Bewohner:innen mussten einen langen Zeitraum auf Besuch verzichten oder wurden unter Quarantäne gestellt; viele von ihnen starben an dem neuartigen Virus. Schnell wurden diese Menschen neben Pflegefachpersonen mit einer Impfung versorgt, wodurch die Mortalität in dieser Altersgruppe wieder absinken konnte. Im öffentlichen Diskurs wurden all diese Beobachtungen kontrovers diskutiert. Und obwohl die dritte Welle der Pandemie nun überwunden zu sein scheint, bleiben diese Bilder von sozial isolierten, von hilflosen und von sterbenden Menschen in unserem kollektiven Gedächtnis zurück. Ist es ethisch vertretbar ältere Menschen im Pflegeheim „einzusperren“? Wie leben wir als Gesellschaft weiter mit den vollzogenen Maßnahmen in den Pflegeeinrichtungen? Welche Lehren ziehen wir aus dem Erlebten und vor allem: Wie können wir diese Einrichtungen und deren Mitarbeitende sowie Bewohnende in Zukunft besser schützen und auf die nächste Pandemie vorbereiten?
Im Rahmen der WebTalk-Reihe „Patient Gesundheitswesen?!“ des Heinrich Pesch Hauses und des Zentrums für Ethik, Führung und Organisationsentwicklung im Gesundheitswesen (zefog) referierte am 05.05.2021 der Direktor des Institutes für Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung (OVGU) und Koordinator des Forschungsverbundes Autonomie im Alter (AiA) Prof. Christian Apfelbacher zum Thema „Altenpflege – gut gewappnet für die nächste Pandemie?“. Nach einem einführenden Überblick über den Zusammenhang von Pflegebedürftigkeit und COVID-19 (z.B. Ausbruchsdynamik in Pflegeeinrichtungen) betonte er anhand der Datenlage, dass Wohnen in einem Pflegeheim einen eigenständigen Risikofaktor für schwere COVID-19 Verläufe bis hin zum Versterben darstellt. Denn Menschen im Pflegeheim seien zumeist besonders vulnerabel, da sie häufig von mehreren Erkrankungen zeitgleich betroffen sind. In diesem Kontext müsse auch insbesondere auf Menschen mit Demenz geschaut werden. Zudem sei es in der Pandemie durch strukturelle und personelle Schwachstellen im Setting Pflegeheim zu großen Herausforderungen in der Versorgung von Bewohner:innen und bei der Umsetzung von Infektionsschutzmaßnahmen gekommen.

In Anschluss an diese reflektierende Bestandsaufnahme stellte Christian Apfelbacher erste Ergebnisse aus der CoronaCare-Studie (Kooperation mit der Medizinischen Hochschule Brandenburg, Prof. Christine Holmberg) vor, in der u.a. untersucht wird, welche Faktoren relevant für Akteur:innen in Langzeitpflegeeinrichtungen sind, um soziale Gesundheit im Zuge der Pandemie aufrechtzuerhalten. So berichtete er davon, dass die befragten Pflegefachpersonen in dieser Studie den guten Zusammenhalt mit Kolleg:innen während der Pandemie schätzten, eine Verschärfung des Pflegenotstandes beobachteten und besondere Herausforderungen in der Versorgung von demenziell betroffenen Menschen erlebten. Befragte Einrichtungsleitungen verwiesen darauf, dass Krisenstäbe unterschiedlich aufgestellt und effizient organisiert gewesen seien. In der Studie konnten auch Bewohner:innen zu ihrem Pandemieerleben befragt werden. Diese schilderten, sie hätten die Betreuung durch die Pflegefachpersonen als unterstützend bei der Bewältigung der Phase erlebt, in der An- und Zugehörigenbesuche in der Einrichtung nicht möglich waren.
In einem daran anknüpfenden Ausblick thematisierte Prof. Christian Apfelbacher die Potenziale der Impfkampagne und verwies auf den Entfall der Quarantänepflicht für enge Kontaktpersonen von Pflegeheimbewohnenden seit Mitte April 2021. Er plädierte für ein Neudenken des Altenpflegesystems und für eine systematische Dokumentation von Pandemieerfahrungen in den verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens. Nur so könnten wichtige Erkenntnisse festgehalten werden, um gesamtgesellschaftlich auf zukünftige Krisensituationen vorbereitet zu sein. In einer anschließenden Gesprächsrunde diskutierten Teilnehmende einzelne Aspekte.

hands with latex gloves holding a globe with a face mask
Photo by Anna Shvets on Pexels.com

Schreiben Sie hier Ihren Kommentar