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Gemeinsam für ältere Menschen: Austausch mit Alter(n)sforscher:innen aus der ganzen Welt im ILC-Netzwerk

Am 06.09.2021 konnte ich den Forschungsverbund Autonomie im Alter bei einem Online-Treffen der International Longevity Centre Europe (ILC Europe) vertreten und mit interessanten Akteur:innen aus der ganzen Welt in Austausch kommen. 

Für diejenigen, denen ILC nicht bekannt ist: Es handelt sich um ein Konsortium bestehend aus Mitgliedsorganisationen aus der ganzen Welt, das 1995 gegründet wurde. Jedes Mitglied bringt sich mit seinem:ihrem Wissen hinsichtlich der unterschiedlichen Aspekte des Alter(n)s und der demografischen Alterung ein. Aufgabe der ILC Europe und der ILC Global Alliance besteht darin, Gesellschaften dabei zu unterstützen, sich mit Alterung und Langlebigkeit sowie den Voraussetzungen für aktives und gesundes Alter(n) auf konstruktive Weise auseinanderzusetzen, Bildungs-, Forschungs- und Politikinitiativen zu fördern sowie neue Ideen und Vernetzungen anzuregen, die dazu beitragen könnten.

Die in etwa 30 Teilnehmenden des Online-Treffens stellten sich zu Beginn mit Namen und institutioneller Zugehörigkeit vor und wurden von der ILC-Sonderbotschafterin Baronin Sally Greengross begrüßt, die das gemeinsam angestrebte Ziel einer inklusiven Gesellschaft für jedes Alter herausstellte. Auch plädierte sie für die Einnahme einer Lebensverlaufsperspektive, wenn es um Fragen des Alter(n)s gehe. Die Moderation übernahm eine Vertreterin von ILC Canada. Zudem war ein Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) im Plenum dabei.

In den darauffolgenden Berichten aus den europäischen ILC-Einrichtungen in Frankreich, Tschechien, Israel, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden zu nationalen Aktivitäten wurde der Grundsatz einer inklusiven Gesellschaft weitergeführt. Auch ILC-Akteur:innen aus der Schweiz und Brasilien machten ihre Unterstützung für diese Position deutlich. Der Präsident von ILC Brasilien Dr. Alexandre Kalache sprach sich zudem dafür aus, Alter(n) nicht nur auf das Thema Gesundheit zu reduzieren, sondern die vielen miteinander korrespondieren Aspekte des Alter(n)s im Blick zu behalten. In Brasilien beispielsweise arbeite das ILC in insgesamt sechs regionalen Zentren, in denen unterschiedliche Schwerpunkte zum Thema fokussiert würden.

Anknüpfend daran rekapitulierte Dr. David Sinclair, Direktor von ILC des Vereinigten Königreichs, gemeinsam mit seiner Kollegin Lily Parsey, die bei ILC UK u.a. zuständig für öffentliche und weltweite Angelegenheiten ist, die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Akteur:innen in Europa.

In einem nächsten Schritt wurden alle Teilnehmenden bei Zoom in vier Breakout-Sessions aufgeteilt, um in diesem Setting in persönlicheren Austausch zu kommen. In meinem Breakout-Meetingraum konnte ich Prof. Alan Walker (Universität Sheffield, UK), Silvia Perel-Levin (NGO Committee on Ageing, Genf), Dr.in Ella Cohen-Schwartz (Ben-Gurion University, Israel) und Prof. Teppo Kröger (Universität Jyväskylä, Finnland) von den Aktivitäten des Forschungsverbundes Autonomie im Alter berichten und mehr über ihre Positionen sowie Forschungs- und Handlungsschwerpunkte erfahren. In der gemeinsamen Diskussion kristallisierten sich zwei Positionen heraus, an denen sich ILC in Zukunft orientieren solle. Laut Walker sei es die verstärkte Implementierung der Lebensverlaufsperspektive in den Alter(n)swissenschaften, in der sich das Verständnis, Alter(n) als lebenslangen Prozess der Erfahrungsaufschichtung zu verstehen und aufzugreifen, verdeutliche. Während dieser Appell als primär an Forschung und Politik gerichtet verstanden werden kann, machte Perel-Levin sich dafür stark, älteren Menschen in der Gesellschaft eine Stimme zu geben. Denn in vielen gesellschaftspolitischen Debatten seien ältere Populationen kaum sichtbar und würden exkludiert oder gar diskriminiert, woraus sich neue Phänomene sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit und ein entsprechender Handlungsbedarf ergeben. 

Die Erträge der insgesamt dreißigminütigen Diskussionsrunden wurden im großen Plenum vorgetragen, um Möglichkeiten der weiteren Kollaboration auszutarieren. In der Nachlese des persönlicheren Gruppenaustauschs wurden auch kritische Stimmen laut: So machte Prof. Mariano Sanchéz (Universität Granada, Spanien) darauf aufmerksam, dass neue Ansätze und Strategien der Zusammenarbeit im Rahmen von ILC entwickelt werden müssten, um dysfunktionale und eingefahrene Strukturen zu durchbrechen und in Zukunft „Dinge anders zu machen“.

Nach diesem Wortbeitrag hatte ich den Eindruck, dass es den Teilnehmenden schwerfiel, erneut konstruktiv in Dialog zu treten, um das weitere Vorgehen abzustimmen. Sanchéz‘ Statement schien einen für alle Beteiligten „wunden Punkt“ getroffen zu haben. Ich beobachtete meine Gedanken, die mir kamen: Welche strukturellen/technischen Möglichkeiten haben wir als Forschende, um die internationale Zusammenarbeit zu unterstützen? Welche Voraussetzungen müssten gewährt sein, um konstruktiv für das gemeinsame Ziel einzustehen? Welche Anreizstrukturen bräuchte es, um Beständigkeit in ein derartig komplexes Konsortium zu bringen? Mit diesen offenen Fragen endete das Online-Treffen und die Moderatorin verwies auf Dr. David Sinclair als Ansprechpartner und Adressat für weitere Anregungen und Ideen der Teilnehmenden.

Ich verließ mit einem ambivalenten Gefühlszustand das Online-Meeting: Einerseits habe ich die offenen und kritischen Worte als erleichternd erfahren. Andererseits vernahm ich einen leichten Pessimismus, den ich auf die final waltende phlegmatische Stimmung in der Großgruppe zurückführte. Nachhaltig blieben folgende Gedanken: Wie können gerade auch wir Nachwuchsforschenden zu mehr Durchlässigkeit von Ideen und Ansätzen in der wissenschaftlichen Vernetzung und Zusammenarbeit vor dem Hintergrund unseres gesellschaftlichen Auftrags und der Verantwortung, die mit unserer Rolle als Wissenschaftler:innen einhergeht, in einem auch aus globaler Perspektive stark wettbewerbsorientierten System beitragen? Ist das überhaupt möglich für uns kleine Zahnrädchen innerhalb dieses vielschichtigen Getriebes? Können wir mit unserer Arbeit wirklich zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen älterer Menschen beitragen? 

Julia Piel

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