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Handlungspraxis Fehlermeldung: Ob und inwiefern Pflegefachkräfte Fehler melden

Im Rahmen der Gestaltung einer möglichst offenen und positiven Fehlerkultur in Krankenhäusern wurden spezielle Berichtsysteme (Critical Incident Reporting Systeme, kurz: CIRS) zur Meldung von Fehlern etabliert. In der wissenschaftlichen Diskussion geht es darum, dass CIRS kein Instrument zur validen Erfassung von Fehlern darstellt, da nicht alle Fehler gemeldet werden (1, 2, 3, 4). Wie es um die Handlungspraxis von Pflegefachkräften bezüglich Fehlermeldungen im Krankenhauskontext steht, wurde im Rahmen der Dissertation von Vivienne Thomas untersucht. Dabei ging es vor allem um die Frage der Bereitschaft, Fehler zu melden sowie den Umgang mit Fehlern in der Berufsgruppe der Pflegenden. Dafür wurden sechs Gruppendiskussionen mit insgesamt 25 Pflegefachkräften erhoben, welche anhand der dokumentarischen Methode nach Bohnsack (5, 6) ausgewertet wurden.

Im Ergebnis zeigt sich, dass die Entscheidung von Pflegefachkräften, ob ein Fehler in ein Fehlermeldesystem gemeldet wird oder nicht, abhängig von ihren Orientierungen zur Fehlerkultur, dem professionellen Selbstverständnis sowie den erlebten Erfahrungen mit und durch CIRS ist. Im Rahmen der Untersuchung konnten drei Typen mit einer jeweils unterschiedlichen Handlungspraxis identifiziert werden:

  • Der erste Typ umfasst Pflegefachkräfte, deren primäre Orientierung der Schutz der eigenen Person ist. Dieser selbstschutzorientierte Typus erkennt Fehlermeldungen nicht als Teil des professionellen Selbstverständnisses an und meidet es daher, Fehler zu melden. Fehlermeldungen werden eher als Zusatz verstanden, deren Realisierung (durch Andere) sich der selbstschutzorientierte Typus nicht erklären kann, da entsprechend negative Erfahrungen, die von Blamage und Sanktionen geprägt sind, gemacht wurden. Diese gilt es, zukünftig zu vermeiden.
  • Typ II versteht Fehlermeldungen als Teil des professionellen Selbstverständnisses und meldet im Vergleich zu den anderen Typen am ehesten Fehler in ein Fehlermeldesystem. Die Fehlermeldungen beziehen sich jedoch nie auf Fehler der eigenen Person, sondern ausschließlich auf die Offenlegung von Systemfehlern bzw. Fehlern Anderer. Dadurch kann die eigene Person strategisch inszeniert werden (z.B. als Fehlerfinder, dem Dankbarkeit gebührt). Der sogenannte machtorientierteTypus erlebt Schadenfreude und hat die positiv bewertete Erfahrung gemacht, dass Fehlermeldungen für eigene Belange instrumentalisierbar sind.
  • Der dritte Typus umfasst Pflegefachkräfte, deren primäre Orientierung die Aussicht auf Erfolg einer Fehlermeldung ist. Die Beurteilung ist entsprechend pragmatisch – sofern durch eine Fehlermeldung Fehlerlernen stattfindet und das Problem behoben werden kann, meldet Typ III den Fehler. Der pragmatische Typus versteht CIRS als Mittel zum Zweck und die Patientensicherheit als oberstes Ziel, welches es – sollte CIRS nicht greifen – auch eigenständig zu verfolgen gilt.

Insgesamt erweitert die qualitative Untersuchung die bisherigen Erkenntnisse nicht nur um Differenzierungen in Fehlerarten (es werden nur bestimmte Fehler gemeldet), sondern auch um Typisierungen (jeder Typ verfolgt eine differente Handlungspraxis) sowie Motiven (der Handlungspraxis jeden Typs liegt eine jeweils unterschiedliche Orientierung zugrunde). Durch die Untersuchung wird zudem die theoretische Perspektive des Fehlerparadoxons nach Weingardt (2004) (7) empirisch bestätigt: Einerseits ist den Pflegefachkräften der normativ geprägte Anspruch einer Fehlervermeidung inhärent und andererseits besteht ein pädagogischer Anspruch, aus Fehlern lernen zu wollen/sollen (was den Fehler an sich impliziert). Darüber hinaus konnten Anzeichen dafür, dass die Typen teilweise voneinander wissen, sowie Verhaltensursachen und -begründungen im Hinblick auf die Soziogenese identifiziert werden. Die Soziogenese erklärt das Entstehen der Typisierung (Sinngenese), indem der jeweilige konjunktive Erfahrungsraum miteinbezogen wird (6). Dabei zeigt sich unter anderem, dass die Handlungspraxis von Pflegefachkräften bezüglich Fehlermeldungen nicht unternehmensabhängig, sondern tätigkeitsabhängig ist. Generation, Geschlecht, Berufserfahrung und Akademisierung hingegen erklären die Sinngenese nicht.

Die vollständigen Untersuchungsergebnisse und mehr Informationen zum Thema sind hier nachzulesen:

Thomas, Vivienne (2021): Fehlermeldeverhalten in der Pflege – Rekonstruktion und Typisierung handlungsleitender Orientierungen von Pflegefachkräften. Springer Verlag, Wiesbaden.

Literaturangaben

(1) Paula, H. (2017): Patientensicherheit und Risikomanagement in der Pflege. Für Stationsleitungen und PDL, Berlin: Springer Verlag, S. 13.

(2) Aktionsbündnis Patientensicherheit, Plattform Patientensicherheit, Stiftung Patientensicherheit (Hrsg.) (2016): Einrichtung und erfolgreicher Betrieb eines Berichts- und Lernsystems (CIRS). Handlungsempfehlung für stationäre Einrichtungen im Gesundheitswesen, [online] https://www.aps-ev.de/wp-content/uploads/2016/10/160913_CIRS-Broschuere_WEB.pdf [09.07.2019], S. 8.

(3) Pham, J.C. / Girard, T. / Pronovost, P.J. (2013). What to do with healthcare incident reporting systems, in: Journal of Public Health Research, Jg. 2, Nr. 27, S. 154-159.

(4) Vincent, C. (2003): Understanding and responding to adverse events, [online] http://www.hadassah-med.com/media/2022160/UnderstandingandRespondingtoAdverseEvents.PDF [20.06.2019], S. 1051.

(5) Bohnsack, R. (2014): Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden, 9. Auflage, Opladen & Toronto: Verlag Barbara Budrich.

(6) Bohnsack, R. (2017): Praxeologische Wissenssoziologie, Opladen & Toronto: Verlag Barbara Budrich.

(7) Weingardt, M. (2004): Fehler zeichnen uns aus: transdisziplinäre Grundlagen zur Theorie und Produktivität des Fehlers in Schule und Arbeitswelt, Bad Heilbronn: Julius Klinkhardt Verlag.

Weiterführende Literatur

Löber, N. (2012): Fehler und Fehlerkultur im Krankenhaus. Eine theoretisch-konzeptionelle Betrachtung, Wiesbaden: Gabler Verlag.

Vivienne Thomas, BEBEFA

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