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Vortrag von Prof.in em. Perrig-Chiello beim 21. Züricher Gerontologietag

Am 08. September hielt die emeritierte Professorin Pasqualina Perrig-Chiello beim pandemiebedingt digital stattfindenden 21. Zürcher Gerontologietag einen spannenden Vortrag über die Rolle der Seniorenuniversitäten bei der Bildung von über Sechzigjährigen.

Zu Beginn ging es mit Verweis auf die Darstellung der Lebenstreppe von Saul Steinburg aus dem Jahr 1954 darum, dass Bildung im Alter in vielen Köpfen noch nicht angekommen ist. Demnach wird die nachberufliche Lebensphase leider immer noch von vielen Menschen mit Ruhestand und Passivität gleichgesetzt. Durch die neue Generation von älteren Menschen wird aber ein anderes vielfältigeres Bild des Alter(n)s geschaffen. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Lebensqualität Älterer in der Schweiz deutlich verbessert. Bessere Rahmenbedingungen, wie soziale Sicherheit und eine gute medizinische Versorgung, erlauben es der Mehrheit der Menschen gesund, aktiv und zufrieden zu altern. Durch Prof.in Perrig-Chiello wurde darauf hingewiesen, dass trotz dieses Wandels bestimmte Ängste (vor Demenz, Pflegebedürftigkeit, Einsamkeit etc.) und Hoffnungen (auf Autonomie, Gesundheit, finanzielle Sicherheit) weiterhin bestehen. Anschließend machte sie auch auf große Ungleichheiten im Alter aufmerksam, primär bedingt durch Unterschiede bei Bildung, Wissen und der finanziellen Situation.

Sie brachte mangelnde Bildung mit höherer Morbidität, höheren Gesundheitskosten und weniger sozialer Teilhabe in Zusammenhang.

Mit Verweis auf die geringe Halbwertzeit von Wissen plädierte sie außerdem für das lebenslange Lernen bis ins hohe Alter. Bildung und Lernen sind ein Leben lang möglich und das menschliche Gehirn bleibt „bis zuletzt“ plastisch.

Der Verband Schweizer- Seniorenuniversitäten setzt sich laut Perrig-Chiello dafür ein, das alle Bürger:innen im dritten Lebensalter einen niederschwelligen Zugang zu hochstehender, unabhängiger und innovativer Bildung erhalten. Dadurch sollen mehr Lebensqualität und soziale Partizipation erreicht werden. Die Universitäten spielen dabei eine enorm wichtige Rolle. Leider sei die Finanzierung solcher Angebote zurzeit noch nicht dauerhaft gesichert. Es sollten durch die verschiedenen Akteure perspektivisch dauerhafte Finanzierungsmöglichkeiten entwickelt werden.

Anschließend machte sie auf eine schweizweite Befragung der Bevölkerung

ab 60 Jahren zum Thema Bildungs-und Lernbedürfnisse im Alter (Seifert, Perrig-Chiello, Martin, 2021) aufmerksam. Die Studie wurde vor kurzem vom Schweizerischen Verband der Seniorenuniversitäten und dem Verband der Schweizerischen Volkshochschulen herausgegeben. Unter anderem wurde in dieser Untersuchung herausgefunden, dass 11% der Studienteilnehmer bereits Erfahrungen mit einer Seniorenuniversität gemacht haben oder diese aktuell nutzen. Sie beendete ihren Vortrag mit dem Aufruf an die älteren Menschen sich nach der Pensionierung weiterzubilden und „nochmals durchzustarten.“

Besonders spannend an diesem Vortrag war für mich, das Plädoyer von Prof.in Perrig-Chiello für die Sicherung universitärer Bildungs- und Lernmöglichkeiten bis zum Ende des Lebens. Ihre Forderung reiht sich damit in den, auch in Deutschland noch aktuellen, Diskurs über Sinn oder Unsinn von akademischen Angeboten für Senior:innen an Universitäten im Zusammenhang mit dem Konzept des lebenslangen Lernens ein. Darüber hinaus finde ich es sehr gut, dass sie die Frage nach der Finanzierung solcher Angebote thematisierte. Meiner Meinung nach, sollte im Sinn des Konzeptes vom lebenslangen Lernen die wissenschaftliche Weiterbildung von Älteren dauerhaft fester Bestandteil der dritten Säule von Universitäten sein. Solange die Finanzierung nicht langfristig gesichert ist, beziehungsweise in die regulären Budgets aufgenommen wird, werden diese Bildungsangebote einen fragilen Status behalten und kurzfristigen Einsparplänen zum Opfer fallen können.

Falk Bauermeister

Zentralprojekt „Autonomie im Alter“, Institut für Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Literaturverzeichnis:

Seifert, Alexander, Perrig-Chiello, Pasqualina, Martin, Mike. (2021). Bildungs- und Lernbedürfnisse im Alter. Bericht zur nationalen Befragungsstudie in der Schweiz. https://www.uni-3.ch/images/pdf/U3_Befragung_2021/U3_Bericht_Befragung_2021_de.pdf

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