comment 0

Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Arbeit von Forschungsprojekten der Alter(n)sforschung

Ein Online-Survey im Forschungsverbund Autonomie im Alter (AiA)

Zusammenfassung:

Um die Auswirkungen der COVID-19 Pandemie auf die Projekte im Forschungsverbund Autonomie im Alter zu untersuchen, wurden im April 2021 insgesamt 130 Personen des Verbundes zur Teilnahme an einer Online-Befragung eingeladen.
Angelehnt an eine Studie des Begleitforschungsprojektes zur Initiative „Gesund-ein Leben lang“ (Bratan, Aichinger, Brkic, Rueter, Apfelbacher & Loss, 2020) wurde in dieser Untersuchung folgenden Forschungsfragen nachgegangen:

  1. Wie wurden die Forschungsprojekte des Verbundes Autonomie im Alter (AiA) aus Sicht der Projektleitungen und Mitarbeitenden von der COVID-19-Pandemie in den beiden Teillockdowns (März 2020 und April 2021) beeinträchtigt?
  2. Besteht aus Perspektive der Projektleitungen und Mitarbeitenden eine Gefährdung der Projektumsetzung durch die Pandemie?
  3. Welche Strategien und Anpassungen werden vorrangig eingesetzt, um die Projekte trotz der veränderten Rahmenbedingungen erfolgreich beenden zu können?

Befragt wurden sowohl Projektleitungen (PL) als auch Mitarbeitende (MA). Der Fokus der Befragung richtete sich dabei auf zwei unterschiedliche Zeitpunkte. Zum einen wurden die Teilnehmenden gebeten, sich an den ersten Teillockdown ab März 2020 zu erinnern und dazu mehrere Fragen zu beantworten und zum anderen wurden die gleichen Fragen zur Situation im April 2021 gestellt. Zusätzlich wurden weitere allgemeine Informationen, wie beispielsweise zur Position im Projekt oder nach Wünschen für das Projekt erhoben. Insgesamt konnten 82 Datensätze in die Analyse eingeschlossen werden (35 Projektleitungen und 47 Mitarbeitende).Die Erhebung ergab, dass die Mehrheit der Projekte in ihrer Tätigkeit sowohl ab März 2020 als auch zum Befragungszeitpunkt im April 2021 stark beeinträchtigt wurde. Manche Projekte mussten sogar ihre Tätigkeit ab März 2020 ein bis drei Monate aussetzen. So sehen folglich viele Projekte eine Projektlaufzeitverlängerung als notwendig und wünschenswert an, um ihr Projekt erfolgreich abschließen zu können. Bei der Beantragung der Verlängerung möchte ein kleiner Teil vom Zentralprojekt (ZP) unterstützt werden.
Sowohl für März 2020 als auch für April 2021 wurde von den Projektleitungen und Mitarbeitenden überwiegend berichtet, dass sich Publikationen verzögerten oder sich diese nicht realisieren ließen. Außerdem verzögerten sich Dissertationen und Masterarbeiten. Die Befragten schätzten die Umsetzung ihres Projektes überwiegend als teilweise gefährdet ein, wobei im April 2021 der Anteil der Befragten stieg, der keine Gefährdung der Projektumsetzung sah (Abbildung 2).
Von den meisten Befragten wurden als Anpassungsstrategien für beide Zeitpunkte die Umstellung auf Online-Formate, Telefon- und Videokonferenzen, Veränderung des Projektablaufes sowie der Einsatz von Hygieneplänen genannt.
Die Projekte entwickelten somit Strategien, um die Projektarbeit fortsetzen zu können. Je nach Forschungsansatz, Zielstellung und angewandter Methoden, war dies jedoch nicht für jedes Projekt vollumfänglich möglich.

Hintergrund:

Durch die COVID-19-Pandemie ist auch die Welt der Wissenschaft stark beeinflusst worden. Einerseits stehen bestimmte Forschungsbereiche nach langer Zeit der Nichtbeachtung im Fokus von Gesellschaft und medialer Darstellung, andererseits sind besonders Forschungsprojekte, die im Zusammenhang mit der Risikogruppe ältere Menschen arbeiten, stark herausgefordert, ihre Forschung unter Pandemie-Bedingungen weiterführen und ihre Forschungsziele erreichen zu können. Dies trifft im besonderen Maße auf die Projekte im Verbund Autonomie im Alter zu, die in unterschiedlichster Form im Zusammenhang mit älteren Menschen forschen.
Seit 2016 engagieren sich in dem Verbund Wissenschaftler:innen verschiedener Fachdisziplinen im Bundesland Sachsen-Anhalt für das Ziel, lebensweltorientierte und anwendungsbezogene Strategien zum gesellschaftlichen Umgang mit den Herausforderungen des demografischen Wandels in der Region zu entwickeln und damit einen Beitrag zu Autonomie in späteren Lebensphasen zu leisten. Die Verbundprojekte werden durch den Europäischen Sozialfonds (ESF), den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) sowie Finanzmittel des Bundeslandes Sachsen-Anhalt gefördert und durch das Zentralprojekt (ZP) koordiniert. Derzeitig arbeiten insgesamt 33 Projekte an den Standorten Magdeburg, Halle und Köthen. Der Forschungsverbund befindet sich bereits in der dritten und letzten Förderperiode, die spätestens Ende 2022 abgeschlossen sein wird.

Methodisches Vorgehen

Die etwa 10 bis 15-minütige teilstandardisierte Online-Befragung mit einer Erhebungswelle wurde mit Hilfe von SoSci-Survey realisiert. Den eingeladenen Personen wurde per E-Mail ein personalisierter Link zur Befragung übermittelt. Ein positives Votum der Ethikkommission der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg wurde für die Untersuchung vergeben (Nr: 67-16).
Im Survey wurden Fragen zur Bedeutung des Teillockdowns im März 2020 und April 2021, zu Schwierigkeiten in der Projektumsetzung, zu wissenschaftlich-akademischen Herausfor-derungen, Anpassungsstrategien und zur Gefährdung der Projektumsetzung zu beiden Zeiträumen gestellt.
Zusätzlich wurden weitere Informationen zur Position (Projektleitung oder Mitarbeiter:in), zur Arbeitsweise im Projekt (direkter Kontakt zu älteren Personen/kein direkter Kontakt zu älteren Personen), Stand der Projektarbeit (Anfangsphase/Durchführungsphase/Endphase) sowie Notwendiges für den Projekterfolg, Wünsche für das Projekt und Unterstützungsbedarf durch das ZP erhoben. Um Falschantworten zu vermeiden, wurde an geeigneten Stellen auf Filterfragen zurückgegriffen.

Stichprobe

Von insgesamt 130 per E-Mail angeschriebenen mitarbeitenden Personen des Forschungsverbundes Autonomie im Alter (55 Projektleiter:innen und 75 Mitarbeiter:innen) beteiligten sich insgesamt 63% an der Befragung (N=82), darunter 35 Projektleiter:innen und 47 Mitarbeiter:innen. Die Forschungsprojekte werden zum Teil durch mehrere Personen (durchschnittlich 2) geleitet und einige der Projektleitungen (6) betreuen mehrere Projekte. Der Frauenanteil der Projektleitungen beträgt insgesamt 42%, 58% sind Männer.

Ergebnisse

Als Resultat unserer Befragung ist festzuhalten, dass die überwiegende Mehrheit der Projektleitungen (Abbildung 1) und der Mitarbeitenden (März 2020 70 %, April 2021 85 %) einschätzte, dass die Projektumsetzung sowohl im März 2020 als auch im April 2021 nur eingeschränkt möglich war. Jedoch war im April 2021 der Anteil derjenigen höher, die einschätzten, dass eine eingeschränkte Projektumsetzung vorlag.
Im März 2020 berichteten etwa 17 % der Projektleitungen und ca. 10 % der Mitarbeitenden über einen temporären Stillstand von ein bis drei Monaten ihres Projektes (durchschnittlich sieben Wochen). Diese Anteile sanken auf 3 % der Projektleitungen und 6 % der Mitarbeitenden im April 2021.
Die Anteile der Projektleitungen und Mitarbeitenden, die einschätzten, dass es durch den Teillockdown keine Auswirkung auf die Projektumsetzung gab, stieg im April 2020 bei den Projektleitungen von 7 % auf 11% und bei den Mitarbeitenden sanken die Anteile von 12 % im März 2020 auf 9 % im April 2021.

Abbildung 1: Bedeutung der Teillockdowns März 2020 & April 2021 aus Sicht der Projektleitungen

Eine teilweise Gefährdung der Projektumsetzung sahen zu beiden Zeitpunkten 61 % der Projektleitungen (s. Abbildung 2). 50 % der Mitarbeitenden schätzten ab März 2020 die Projektumsetzung als teilweise gefährdet ein. Im April 2021 betrug dieser Anteil nur noch 40 %. Außerdem reduzierten sich im April 2021 die Anteile der Projektleitungen und Mitarbeitenden, die die Frage, ob eine Gefährdung der Projektumsetzung gesehen wird, bejahten (MA: März 2020 26 %, April 2021 19 %) und es stiegen die Anteile unter den Befragten, die diese Frage verneinten (MA: März 2020 18 % April 2021 42 %).

Abbildung 2: Gefährdung der Projektumsetzung Einschätzung der Projektleitungen März 2020 & April 2021

Die häufigsten Herausforderungen für die Weiterführung der Projekte sahen beide Gruppen in den Einschränkungen bei der Datenerhebung und die Nichtdurchführung von geplanten Interventionen und Maßnahmen (Abbildung 3, Angaben der Projektleitungen). Im April 2021 wurde von beiden Gruppen außerdem sehr häufig angegeben, dass der fehlende persönliche Austausch die Zusammenarbeit im Projekt erschwerte.
Auch der Ausfall von Personal durch die Pandemie, aufgrund von Betreuungsverpflichtungen oder COVID-19-Erkrankungen bzw. Quarantäne und Einschränkungen von Lieferengpässen wurden als Herausforderungen genannt (Abbildung 3). Die offenen Antworten, die die Befragten unter „weiteres“ geben konnten, verwiesen darüber hinaus bei den Projektleitungen auf Schwierigkeiten bei der Einstellung von neuen Mitarbeitenden durch das Arbeiten im Homeoffice, bei der Schließung von Kooperationen oder in der Zusammenarbeit mit externen Partner:innen und die fehlende Bereitstellung von Versuchstieren. Die Mitarbeitenden teilten mit, dass Veranstaltungen und Konferenzen nicht stattfinden konnten, die auch im Hinblick auf die Rekrutierung von Proband:innen relevant gewesen wären. Außerdem waren die Materialentwicklung und die Umsetzung von Pretests in einigen Projekten nur eingeschränkt möglich.

Abbildung 3; Ursachen für die Beeinträchtigung der Projekte, laut der Projektleitungen (N=28, Mehrfachnennungen waren möglich)

Zu beiden Zeitpunkten berichteten die Befragten überwiegend, dass sich Publikationen verzögerten oder, dass diese nicht realisiert werden konnten (März 2020: 67 % PL, 57 % MA/ April 2021: 63 % PL, 44 % MA). Außerdem verzögerten sich Dissertationen und Masterarbeiten.
Zur Weiterführung der Projekte wurde laut der Befragten am häufigsten der Projektablauf umgestellt, Hygienepläne erstellt und insgesamt auf Online-Formate, Telefon- und Videokonferenzen umgestellt.
Auf die offene Frage, was aus der Sicht der Befragten notwendig sei, um unter den gegebenen Umständen ihr Projekt erfolgreich zu Ende führen zu können, nannten beide Gruppen am häufigsten eine Verlängerung der Projektlaufzeit (60 % PL, 43 % MA). Teilweise wurde auch eine Verlängerung mit Bewilligung zusätzlicher finanzieller Mittel als notwendig angesehen. Vereinzelt wurde mitgeteilt, dass insgesamt mehr finanzielle Mittel nötig sind, da pandemiebedingte Kosten, wie Masken etc., im Vorfeld nicht eingeplant waren.
In den freien Antworten auf die Frage nach Wünschen für das eigene Projekt, zeigte sich bei den Projektleitungen am häufigsten der Wunsch nach einer Projektlaufzeitverlängerung, aber auch nach einem erfolgreichen Abschluss bzw. des Erreichens der Forschungsziele. Dies war ebenfalls der häufigste Wunsch der Mitarbeitenden, die sich zusätzlich eine berufliche Perspektive für ein Anschlussprojekt wünschten.
Einige Mitarbeitende gaben an, durch das ZP beim Austausch zwischen den AiA-Projekten sowie mit bundesweiten Projekten unterstützt werden zu wollen. Außerdem ist Unterstützung bei Verlängerungsanträgen und dem Finden von Alternativlösungen bzw. –finanzierungen gewünscht. Die Mitwirkung des Zentralprojektes bei Projektverlängerungen erhofft sich ebenfalls eine kleine Anzahl an Projektleitungen, die sich zudem Unterstützung in der Kommunikation mit Förderinstitutionen wünschen.

Diskussion

Die COVID-19-Pandemie hatte bisher bereits schwerwiegende Auswirkungen auf die Mehrheit der Projekte im Forschungsverbund Autonomie im Alter. Sowohl im ersten als auch im zweiten Teillockdown konnte die Arbeit nicht wie geplant durchgeführt werden, teilweise kamen Projekte komplett zum Erliegen. Die überwiegende Mehrheit der Projektleitungen und Mitarbeitenden sahen ab März 2020 und im April 2021 die Projektumsetzung zumindest teilweise als gefährdet an, wobei im April die Zahl derer stieg, die keine Gefährdung der Projektumsetzung erkannten.
Diese Veränderung in der Einschätzung im April 2021 ist sicherlich auch auf die ab März 2020 genutzten Anpassungsstrategien zurückzuführen, wozu die Umstellung des Projektablaufes, Wechsel auf Online-Formate, Telefon- und Videokonferenzen und dem Einsatz von Hygieneplänen zählen. Diese dürften zum Zeitpunkt der Befragung im April 2021 in den meisten Projekten des Forschungsverbundes Autonomie im Alter bereits zur Routine gehört haben und mussten nicht, wie im März 2020 erst erprobt und eingeführt werden.
Trotz der erfolgreich eingesetzten Anpassungsstrategien spielen zeitliche Verzögerungen insgesamt eine große Rolle. Deshalb wird von den Befragten vorrangig eine Projektlaufzeitverlängerung als notwendig und wünschenswert angesehen, um ihr Projekt erfolgreich beenden zu können. Durch die strengen Festlegungen der EU-Förderungen dürfte dies allerdings nur bis Ende 2022 möglich sein. Es ist nicht sicher, ob alle Projekte bis dahin ihre Forschungsziele noch erreichen können.
Für zukünftige Förderperioden sind daher weniger starr gefasste Rahmenbedingungen der Förderung wünschenswert, damit Forschungsprojekte trotz unvorhergesehener Ereignisse, wie der COVID-19-Pandemie, ihre Untersuchungen erfolgreich zum Abschluss bringen können. Denkbar sind auch individuelle Ausnahmeregelungen für die von der Pandemie sehr stark betroffenen Projekte, die Förderung über 2022 hinaus zu verlängern.
Eine weitere Erhebung im Forschungsverbund Autonomie im Alter könnte Aufschluss darüber geben, inwieweit betroffene Projekte die Verzögerungen aufholen konnten oder inwieweit Ziele und Teilziele nicht erreicht werden können.
Ebenso wird abzuwarten sein, ob in Folge neuer Ansteckungswellen im Herbst/Winter 2021 erneut Schutzmaßnahmen nötig sein werden, die zu weiteren Verzögerungen führen können.

Literaturverzeichnis

Bratan, T., Aichinger, H., Brkic, N., Rueter, J., Apfelbacher, C. & Loss, J. (2020). Impact ofthe COVID-19 pandemic on ongoing health research: an ad hoc survey among investigators in Germany. https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.08.14.20174888v1.full.pdf https://doi.org/10.1101/2020.08.14.20174888

Dr. Astrid Eich-Krohm, Angela Ulrich,Falk Bauermeister; Zentralprojekt, Institut für Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung

Schreiben Sie hier Ihren Kommentar