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Einflussfaktoren für die Entstehung von altersgerechtem Wohnraum: Erkenntnisse aus Expert:innen-Interviews

Die Aufrechterhaltung der Autonomie im Alter, wenn der Unterstützungsbedarf zunimmt, ist ein zentrales Ziel, welches durch viele Faktoren beeinflusst wird. So sind „die altersgerechte Gestaltung des Wohnumfelds, die Verfügbarkeit von Angeboten sozialer und pflegerischer Unterstützung, die Erreichbarkeit von Versorgungs-, Gesundheits- und Kultureinrichtungen im Nahbereich und ein wertschätzendes, integrierendes gesellschaftliches Umfeld“ wesentliche Voraussetzungen für Selbstbestimmung im Alter (Dehne & Neubauer 2014, S. 3). Insbesondere in ländlichen Regionen sind diese Notwendigkeiten häufig nicht ausreichend sichergestellt, so fehlen auch im Land Sachsen-Anhalt vielerorts angepasste Wohnumgebungen. Die Entstehung neuer Wohnangebote und Wohnformen wird zwar politisch sowie gesellschaftlich gefordert, jedoch fehlt es an Wissen über hemmende und fördernde Faktoren sowie an Werkzeugen zur Umsetzung. Zur Identifizierung möglicher Einflussfaktoren wurden im Rahmen des AWiSA-Projektes Expert:innen-Interviews mit insgesamt acht Personen aus unterschiedlichen Professionen und Bereichen durchgeführt. Inhalt der Interviews waren nicht nur Rahmenbedingungen für die Entstehung von altersgerechtem Wohnraum, sondern auch die Bedarfe der älteren Menschen sowie Herausforderungen des ländlichen Raums. Aus diesem Grund umfasste der Interviewleitfaden die Fragebereiche „Bedarfe der älteren Menschen und die Heterogenität der Zielgruppe“, „Wohnangebote in der näheren Umgebung und deren Umsetzung“ sowie „Herausforderungen des altersgerechten Wohnens im ländlichen Raum“. Ausgewertet wurden die Interviews mit Hilfe der Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2016).

Die Ergebnisse zeigen, dass alle Expert:innen einen Bedarf an altersgerechtem Wohnraum sehen, welcher bereits jetzt dringend ist und in naher Zukunft sogar zunehmen wird. Außerdem wird diese  Nachfrage von allen als sehr hoch eingeschätzt, so seien Angebote schnell ausgebucht und mit Wartelisten verbunden sowie über den Ort hinaus in ganz Sachsen-Anhalt vorhanden. „Der Bedarf ist also auf jeden Fall gegeben und schon da, der Bedarf an barrierefreien und altersgerechten Wohnungen nimmt zu“ (IV1, Pos. 9).  Zudem bestehe nicht nur Bedarf an altersgerechtem Wohnraum per se, sondern auch an Hilfsangeboten zur altersgerechten Umgestaltung des eigenen Wohnraums. Unklar ist dabei, wer für die Schaffung und Bereitstellung von Lösungen verantwortlich gemacht werden kann. Zudem bestehen Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie mit Blick auf die sozialen, gesellschaftlichen und finanziellen Hintergründe der älteren Menschen. Hinzu kommen heterogene Ansprüche an die Formen von altersgerechtem Wohnraum. Eine Vielfalt an Angeboten ist laut Expert:innen deshalb besonders wichtig. So ist das Thema Barrierefreiheit unabhängig von der Wohnform oder dem Ort ein wichtiges Thema für ältere Menschen. Genauso wie die Versorgung und damit einhergehend die Aufrechterhaltung der Selbstbestimmung. Weiterhin stellten die Expert:innen besondere Herausforderung im ländlichen Raum Sachsen-Anhalts fest. So sind insbesondere die Versorgung mit Lebensmitteln und Artikeln des täglichen Bedarfs, aber auch die medizinische sowie pflegerische Versorgung häufig nicht gewährleistet, ebenso fehlt es an einer gut ausgebauten Infrastruktur und Mobilität. „Ich glaube, wenn es einen viel flexibleren ÖPNV gäbe, würden viele ältere Leute auch länger auf den Dörfern wohnen bleiben.“ (IV2, Pos. 27). All diese Herausforderungen gepaart mit Vereinsamung aufgrund von Wegzug von Freunden und Familie sorgen dafür, dass immer mehr ältere Menschen ihre gewohnten Umgebungen verlassen müssen, um in die Stadt zu ziehen. Aber auch das geringe Interesse an der Realisierung von neuen Projekten durch Investoren aufgrund fehlender finanzieller Anreize, erschwert die Wiederbelebung des ländlichen Raums. Darüber hinaus fehlt es für Interessierte an Beratungsangeboten und Ansprechpartner:innen vor Ort. Auf der anderen Seite bietet der ländliche Raum Potenziale, welche genutzt werden sollten. So besteht nicht nur ausreichend Platz für günstiges Bauland, sondern es gibt auch einen generationsübergreifenden Zusammenhalt, welcher mit ausreichend Förderung zur Wiederbelebung der Orte führen könnte. Dabei sehen die Expert:innen vor allem die Politik, aber auch die einzelnen Dienstleister in der Pflicht. Auf die Frage, welche Faktoren die Umsetzung von altersgerechten Wohnprojekten fördern, konnten die Expert*innen einige Hinweise und Hilfestellungen geben. So wurde insbesondere in der Planungsphase das Hinzuholen von Externen oder Fachpersonen empfohlen, ebenso wie das in Anspruch nehmen von Beratungsangeboten und die Kommunikation mit der Bevölkerung. Konkreter ist auch das Prüfen der Kennzahlen, wie bestehende Angebote, des tatsächlichen Bedarfs und der Altersstruktur im Ort sowie eine Mietkalkulation relevant. Darüber hinaus wurde betont, wie wichtig die Betrachtung des gesamten Wohnumfeldes ist. So spielt auch die Infrastruktur und die soziale sowie kulturelle Anbindung eine große Rolle für ein selbstbestimmtes Leben im Alter.

Die Expert:innen konnten vielfältige Faktoren nennen, welche die Entstehung von altersgerechten Wohnprojekten beeinflussen. Dabei ist eine scharfe Trennung zwischen hemmenden und fördernden Faktoren zum Teil nicht möglich. Grund dafür ist, dass einige Themen sowohl den Kern des Problems als auch Teil der Lösung darstellen. So wurden insbesondere Themen wie die Finanzierung, die Versorgung und die Beratung als Hilfestellungen aber auch als Herausforderungen genannt. Hinzu kommen vielfältige Problemlagen insbesondere im ländlichen Raum Sachsen-Anhalts.

Weitere Informationen dazu sind hier zu finden: http://www.awisa-lsa.de

Literaturangaben:

Dehne, Peter/Neubauer, Anja (2014): Ländliches Wohnen im Alter, aber wie? Facetten sorgender Gemeinschaften in Mecklenburg-Vorpommern und anderswo. In: Deutsches Zentrum für Altersfragen (Hrsg.): Informationsdienst Altersfragen. Altern im ländlichen Raum. 06, Jg. 41. S. 3-12.

Kuckartz, Udo (2016): Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. 3. Aufl. Weinheim Basel: Beltz Verlag.

Sarah Poppe, AWiSA, Hochschule Magdeburg-Stendal

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