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Gemeinschaftlichkeit im Alter – Das Problem des Alleinseins

Im Rahmen des Forschungsprojekts „Altersgerechtes Wohnen in Sachsen-Anhalt“ (AWiSA) wurden drei Gruppendiskussionen geführt. Ein immer wieder aufkommendes Thema war der Aspekt der Gemeinschaftlichkeit und der damit verbundenen Vereinsamung. AWiSA hat mich dazu inspiriert, die Frage aufzuwerfen, wie der Strukturwandel des Alterns in Zukunft aussehen wird und welche Herausforderungen, besonders in Bezug auf das Wohnen, gemeistert werden müssen. Das Alter ist eine Lebensphase, welche sich aufgrund der guten bis sehr guten Infrastruktur in Bezug auf gesündere Lebens- und Arbeitsbedingungen und bessere medizinisch-pflegerischen Versorgung im Land maßgeblich verlängert hat. Durch die erweiterte Lebensphase Alter und die dadurch entstehenden Möglichkeiten, Zeit nach eigenen Wünschen und Vorstellungen zu gestalten, hat sich ein Strukturwandel des Alterns vollzogen (vgl. Karl 2009, S. 41). Die Frage dabei ist jedoch, wie frei diese Gestaltungsformen wirklich sind. Welche Einflussfaktoren spielen dabei eine Rolle und wie wirken sich materielle und sozioökonomische Verhältnisse/Bedingungen/Gegebenheiten in Sachsen-Anhalt auf den beschriebenen Strukturwandel aus? Opitz (1998) beschrieb den Strukturwandel folgendermaßen: „Die absolute Anzahl älterer Menschen steigt. […] Die Lebenserwartung steigt. […] Das Alter wird entberuflicht […].“ (Opitz 1998, S. 13f.). Damit ist gemeint, dass sich die Altersphase ausdehnt und neue Ansprüche an das Altern entstehen. Opitz führt weiterhin aus, dass die Anzahl jener Menschen im Alter zunimmt, welche allein leben und das zugleich prozentual mehr alte Frauen als Männer existieren. Dies hängt vor allem mit der unterschiedlichen Lebenserwartung zusammen (vgl. ebd., S. 13f.) Der Strukturwandel ist weiterhin geprägt durch Verjüngung (die sogenannten jungen Alten) und Hochaltrigkeit (vgl. Tews 1993, S. 17) sowie in jüngerer Zeit durch eine zunehmende Vielfalt der Älteren, beispielsweise durch Zuwanderungsbiografien oder sexuelle Orientierungen. In der Literatur wird auch von einer Individualisierung des Alterns sowie einer Singularisierung gesprochen (vgl. Marotzki 2005, S. 100). Die Individualisierung spiegelt den zunehmenden Drang nach Selbstverwirklichung im Alter wider, welche vorwiegend mit Menschen der gleichen Generation und ähnlichen Interessen beziehungsweise Hobbys vollzogen wird (vgl. Kade 2000, S. 241). Zugleich fordert eine Individualisierung zum gelingenden Gestalten neuer Lebensentwürfe bestimmte Kompetenzen wie Flexibilität, Toleranz, Eigeninitiative und das Annehmen von Rückschlägen. Auch wichtig für das Gelingen sind soziale Ressourcen sowie das Knüpfen neuer und Beibehalten bestehender Beziehungen als Unterstützung und Schutz vor Einsamkeit (vgl. Schweppe 1996, S. 25f.). Dabei stellt sich die Frage, wie Ressourcen strukturell verteilt sind, gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land? Wie unterscheiden sich finanzielle oder soziale Ressourcen zwischen unterschiedlichen Milieus?               
Die Singularisierung hingegen beschreibt den Zustand des allein Lebens (vgl. Kade 2000, S. 241).  All diese Herausforderungen des Strukturwandels implizieren gleichzeitige Anforderungen an die umgebende Gesellschaft im Sinne von Freizeit- und Bildungsangeboten für ältere und alte Menschen. Auch im Rahmen von Wohneinrichtungen muss stärker versucht werden, Gemeinschaftlichkeit zu ermöglichen und zu fördern. Dies ist jedoch aufgrund des Fachkräftemangels, sowohl in der Sozialen Arbeit als auch der pflegerischen Versorgung eine enorme Herausforderung. Alles in allem entwickeln sich durch den Strukturwandel des Alterns neue Perspektiven und Herausforderungen. Alte Menschen haben in Bezug auf ihre Biografie die Chance, auf ihre vielfältigen Erfahrungen zurückzublicken, diese zu reflektieren und auf aktuelle Lebenslagen zu beziehen. Umso wichtiger ist es, diese Potentiale im Rahmen einer Gemeinschaftlichkeit innerhalb von Wohneinrichtungen zu nutzen und ein lebenswertes Altern zu ermöglichen.

Literaturangaben

Böhnisch, L. (2018): Sozialpädagogik der Lebensalter. Eine Einführung.8. Aufl. Weinheim Basel: Juventa Verlag.

Kade, S. (2000): Lernen im Alltag. In: Becker,S./Veelken,L./Wallraven, K. P. (Hrsg.), Handbuch Altenbildung. Theorien und Konzepte für Gegenwart und Zukunft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 241. 

Opitz, H. (1998): Biographie-Arbeit im Alter. Würzburg: Ergon Verlag.

Schweppe, C. (1996): Soziale Altenarbeit. Pädagogische Arbeitsansätzeund die Gestaltung von Lebensentwürfen im Alter. Weinheim undMünchen: Juventa Verlag.

Tews, H. P. (1993): Neue und Alte Aspekte des Strukturwandels des Alters. In: Naegele, G; Tews, H. P. (Hrsg.), Lebenslagen im Strukturwandel des Alters. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag GmbH Opladen, S. 15-42.

Kim Domnick, AWISA, Hochschule Magdeburg-Stendal

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